Aktuelles
  • Fritz-Glöckner-Preisträger Johannes Cieluch, Lena Schmidt und Marie Abel

Abitur 2019
Volker Schmidt | 23.06.2019

Ansprache zur Entlassungsfeier der Abiturienten am 14. Juni 2019

von Volker Schmidt

 

Sehr geehrte Anwesende, vor allem aber liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

 

Wise men say only fools rush in ...

 

(Im Programm sang das der Chor vor der Rede.)

 

Wer aber sind diese weisen Menschen, die andere Menschen davor warnen, sich auf offenbar so gefährliche Dinge wie die Liebe einzulassen?

Zählen Abiturientinnen – die männliche und die transgender Form ist ab hier immer mitzudenken – zu ihnen? Ganz sicher zu ihnen? Und zählen wir uns alle hier selbstredend nicht auch zu ihnen?

Schauen wir einmal.

Elomen elomen lefitalominal

Wolminuscaio

Baumbale bunga

Acycam glastula firofim flinsi

 

Elominuscula pluplubasch

Rallalalaio

 

Endremin saxassa flumen flobollala

Feilobach falljade follidi

Flumbasch

 

---

Cerobadadrada

Gargluda gligloda glodasch

Gluglamen gloglada gleroda glandridi

 

Elomen elomen fefitalominai

Wolminuscaio

Baumbala bunga

Asycam glastala feirofim blisti

Elominuscula pluplusch

Rallabataio

 

Spätestens jetzt, nach dieser 3. von 5. Strophen, steht Ihr Aufschrei kurz bevor:

„Was soll dieser Blödsinn! Ist der Schmidt völlig durchgeknallt und will uns ver...?“

Welche Schülerin aber in 12 Jahren Schulzeit das tat, wozu die Schule trotz all ihrer Unzulänglichkeiten sie befähigen wollte, sollte wenigstens soviel gelernt haben, dass sie nach dem möglichen Sinn in diesem vermeintlichen Unsinn zu fragen hat. Und dann lernt, was zu lernen ist. Am Ende weiß sie: Das kann nur ein Dada-Gedicht sein. Ein Dada-Gedicht von Hugo Ball und ganz ähnlich seinem wohl bekanntesten Gedicht: die „Karawane“.

jolifanta bambla o falli bambla, usw.

Und die es dann weiß und – darauf kam es die letzten Jahre an – die es dann sagt oder niederschreibt, die hat das Bildungsziel des Gymnasiums erreicht, das Abitur hier und heute in der Hand.

Notabene. Wäre ich Mathematiker, hätte ich wohl über Stochastik und nicht über Wolminuscaio gesprochen.

Sapere et fari – wissen und sagen – stand bis Ende des 19. Jahrhunderts über der Aula im Erdgeschoss des alten Gymnasiums.

Und wer diese lateinischen Infinitive einfach übersetzt, wird dem zustimmen: Wissen und sagen. So mag es vielen von Euch vorgekommen sein.

Doch war und ist Schule immer nur dieses Lernen und Abliefern, dessen höchste Form heute das Bulimie-Lernen ist – reingezwungen, ausgekotzt, vergessen?

Gäbe es noch das, was als Drill oder Üben bekannt war, sähe es mit dem Vergessen vielleicht ein wenig anders aus.

Also gilt:

haurire – vomere – oblivisci

Doch Horaz, auf den der Spruch zurückgehen mag, hatte wohl eine umfassendere Vorstellung dessen, was mit sapere gemeint sei.

Quid voveat dulci nutricula maius alumno
qui sapere et fari possit quae sentiat

 

Kann eine Amme ihrem lieben Ziehkind nichts Größeres wünschen, als fähig zu sein, verständig zu denken, und zu sagen, was es fühlt, empfindet, denkt?

Und ist die Pädagogin, die Kindesführerin, nicht die quasi natürliche Nachfolgerin der Amme?

Und verstand sich nicht schon Sokrates, der Mentor der pädagogischen Mäeutik, als Hebamme? Als einer, der durch Verunsicherung seine Schülerinnen dazu bringen wollte, Wissen und Fähigkeiten aus sich selbst hervorzubringen?

Sapere ist eben genauer als „weise sein, kritischen Verstand haben, verständig sein, Einsicht besitzen“ zu verstehen.

Und wollte das Gymnasium nicht immer genau das?

War sein Ziel nicht jener uomo universale, jene klassische Doppelnatur von bourgeois und citoyen, die mit kritischer Vernunft und breitem Wissen nicht nur sich selbst, sondern zugleich allen Menschen dient?

Dem historischen Begriff gymnasialer Bildung, Humboldt ist das bekannte Stichwort, war und ist dies bis heute eingeschrieben.

Vor allem in dicken Büchern und Festtagsreden wie dieser.

Ich frage mich also, gefangen im Netz inhaltsleerer Kompetenzen, der an den Anforderungen des Tages zurechtgestutzten Kerncurricula und in Zeiten der Bildungsexpansion, habe ich den Schülerinnen beigebracht, eben nicht beim gemeinen haurire – vomere – oblivisci

stehenzubleiben, sondern eine kritische Haltung zu gewinnen und diese zu vertreten?

Hugo Ball hätte zu seiner Zeit keine Chance gehabt, in der Schule Lernstoff zu werden, denn die Auseinandersetzung mit dem Gedicht wäre, sapere et fari richtig verstanden, wohl ein Aufruf zur Revolution gewesen, die dann 1918 in der Tat stattfand. Zu radikal war die Diagnose, die seine Lyrik widerspiegelte.

„Die von der kritischen Philosophie vollzogene Entgötterung der Welt, die Auflösung des Atoms in der Wissenschaft – das Ehepaar Curie hatte die Radioaktivität 1898 beschrieben - und die Massenschichtung der Bevölkerung im heutigen Europa“, so Ball schon 1916, ließen ein Gedicht in dem „über allen Gipfeln Ruh“ ist, um Goethe zu bemühen, nicht mehr zu.

Ein Jahrhundert später ist es nicht besser. Die Schriftstellerin Eva Menasse hat in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Börne-Preises am 26. Mai dieses Jahres, anders als Ball, gar keine differenzierte Diagnose mehr gestellt, nicht mehr stellen können. Lapidar konstatierte sie mit Blick auf unseren Planeten und seine Bewohner: „Alles geht in Trümmer.“

Angesichts dessen und Menasses Wort im Ohr, für Pessimismus sei es jetzt zu spät, bleibt mir nur die Hoffnung, dass das Philippinum wenigstens Kants Wahlspruch der Aufklärung, sein „sapere aude!“ – sein „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ - zumindest als Keim allen Schülerinnen hier mitgegeben hat.

 

Wenn dem aber nicht so ist, dann bleibt in einer Welt, die wir Menschen als gleichsam unbeherrschbare zweite Natur selbst hervorbringen, keine Hoffnung, und friday-for-future und die Idee zu „Klimawochen“ an der Schule werden so zum Alibi, um weiterzumachen wie bisher. Klimawandel, globaler Kapitalismus, Digitalisierung und die von Andreas Reckwitz beschriebene „Gesellschaft der Singularitäten“ sind die Stichworte, die hier zu diskutieren sind.

Die Philosophen interpretieren die Welt nur auf verschiedene Weisen, Politiker vertreten je spezifische Interessen und nicht unbedingt das viel zitierte Allgemeinwohl, um nicht vom Volk, das die Volksvertreter ver - treten, reden zu müssen. Dabei kommt es eigentlich einzig und allein darauf an, diese Welt zu einer friedlich humanen Welt zu machen. Hoffentlich habt ihr das gelernt und vergesst es nicht, wie manches andere, was ihr in den letzten Jahren gelernt habt.

Damit dies gelingt, möchte ich am Ende noch den Schauspieler Mario Adorf, Jahrgang 1930, zitieren.

Er gab bei einer Lesung durchaus zu, dass die Nazi-Ideologie nicht ohne Wirkung auf ihn war. Mit Glück hat er als Kind-Soldat das Kriegsende überlebt, weil der Unteroffizier ihn und seine Kameraden nicht in den Kampf, sondern nach Hause schickte.

Sich nicht verführen zu lassen, von niemanden und nichts, sei sein Rat an die Jugend, dem ich mich aus ganzem Herzen anschließe und dem ich hinzufügen muss:

Und schon gar nicht von den Algorithmen des digitalen Universums.

Dazu gehört dann aus dem aude sapere ein sapere et fari werden zu lassen, das in ein Facere, ein Tun, ein Handeln übergeht.

Lasst Euch also nicht verführen,

außer vielleicht durch die von Elvis besungene Liebe,

das wäre mein zusätzlicher Rat.

 

Alles Gute für Euch!

 

Die „Wilinaburgia“, deren Preise ich nun überreichen darf, war und ist auch ein Kind ihrer Zeit und inzwischen fast einhundert Jahre alt.

Hart gebeutelt durch den 1. Weltkrieg fanden sich 1921 Schülerinnen – die gab es noch gar nicht an der Schule – und Lehrerinnen – die gab es auch nicht – zusammen, um den Zusammenhalt untereinander zu fördern, der gefallenen Freundinnen zu gedenken und der Schule für ihre Arbeit zu danken und sie zu fördern.

 

Das könnten Sie alle hier übrigens für 12 € Jahresbeitrag auch tun. Werden Sie Mitglied!

 

Fritz Glöckner nun, ein Gewächs dieser Schule, Lehrer für Englisch, Latein und Erdkunde und seinerseits durch den 2. Weltkrieg gebeutelt, Nestor des nach 1950 florierenden Englandaustausches und natürlich engagiertes Vereinsmitglied, überließ der „Wilinaburgia“ einen Teil seines Vermögens, aus dessen Erträgen sich der Preis finanziert und mit dem die besten Schülerinnen aus den drei Fachbereichen geehrt werden.

Das sind für den Fachbereich 1: Marie Abel

für den Fachbereich 2: Lena Constanze Schmidt

und für den Fachbereich 3: Johannes Cieluch

 

Herzlichen Glückwunsch!

 



Gymnasium Philippinum Weilburg
Gymnasialschulverein Weilburg
Konzertverein Weilburg
Stadt Weilburg


© 2019
Administration
Design & Hosting by Büroservice Blum