Aktuelles
  • Stefan Ketter, Fiona Bückner und Eugen Rudolf Ancke bei der symbolischen Übergabe der Gedenktafel

  • Familie Glotzbach sorgte mit Martin Weinbrenner (nicht auf dem Foto) für den musikalischen Rahmen

  • Marschall von Bieberstein übergibt in Vertretung einen Scheck des Landrates Köberle

Gedenktafel offiziell Übergeben
Volker Schmidt | 18.09.2021

Wilinaburgia übergibt die Gedenktafel für die Opfer der NS-Herrschaft an das Gymnasium Philippinum Weilburg

 

Am 17. September übergab die Wilinaburgia offiziell die Gedenktafel für die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft unter den ehemaligen Angehörigen des Weilburger Gymnasiums. Im Rahmen des in diesem Jahr zu verzeichnenden 100-jährigen Jubiläums des Vereins war diese Veranstaltung neben der Veröffentlichung der Festschrift und der Jahreshauptversammlung für die Jahre 2020 und 2021 der dritte Termin im Jubiläumsjahr, der trotz der Corona-Pandemie stattfinden konnte. Für den musikalischen Rahmen sorgten die von Michael Glotzbach ausgesuchten Musikstücke. Der Festakt selbst ist auf das kommende Jahr verschoben.

Vorsitzender Eugen Rudolf Ancke wies bei seiner Begrüßung auf den Bogen hin, den diese dritte vom Verein gestiftete Tafel zu seinen Anfängen schlägt, zu denen eine Gedenktafel für die im 1. Weltkrieg gefallenen ehemaligen Schüler wesentlich gehörte.

1956 folgte ihr die Gedenktafel für die Gefallenen des 2. Weltkrieges.

Ancke hieß neben dem Hausherrn Stefan Ketter und seiner Vertreterin Renate Geil, dem Schulleitungsteam und den Vertretern der Fachschaften auch den Schulelternbeiratsvorsitzenden Jörg Schönwetter und die Schulsprecherin Fiona Bückner als Vertreter der Schulgemeinde willkommen. Besonders begrüßte er Diana Hörle, jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Limburg, den Kreisbeigeordneten Ulrich Marschall von Bieberstein als Vertreter des Landrates, Stadtrat Matthias Knaust als Vertreter des Weilburger Bürgermeisters und Dirk Fredl als Vertreter des Staatlichen Schulamtes, Joachim Warlies, den Nestor der Erforschung der Geschichte der Weilburger Juden, und Vertreter des Vereins „Weilburg erinnert“. Kultusminister Alexander Lorz hatte ein Grußwort geschickt.

Eugen Rudolf Ancke betonte bei der symbolischen Übergabe der Tafel in der Aula: „Wir übergeben die Tafel in Ihre Obhut, in das Eigentum der Schule und als Einladung und Aufforderung an die Schulgemeinde, insbesondere für die Generation der Schülerinnen und Schüler, die Tafel als einen Ort des Gedenkens, als Ermahnung gegen das Vergessen und Stärkung eines mutigen demokratischen Engagements zu sehen und jeglicher Diskriminierung entgegenzutreten. Die Ereignisse der letzten Zeit und insbesondere die schrecklichen Nachrichten aus Hagen machen deutlich, wie nötig das ist.“

Ganz ähnlich sah auch Schulleiter Stefan Ketter die Bedeutung der neuen Gedenktafel. "Als Schule erinnern wir uns an unsere Vergangenheit, und als vor drei Jahren die Überlegungen zu einer dritten Tafel spruchreif waren, sagten wir sofort unsere Unterstützung zu", sagte Ketter, denn Rassismus und Antisemitismus seien auch heute noch Realität. Schulsprecherin Fiona Bückner hoffte, dass die Tafel eine nachhaltige Wirkung bei den Schülerinnen und Schülern hervorrufe, damit sich so etwas wie der Nationalsozialismus in unserer Gesellschaft nie mehr wiederhole. Bewegend war das Grußwort von Diana Hörle. Die jüdische Sprecherin der Gesellschaft für christlich – jüdische Zusammenarbeit sprach über die Erfahrungen ihrer eigenen Familie mit der Shoa. Wenn die Tafel dazu anrege, sich mit dem Judentum und seiner Geschichte auseinanderzusetzten, um wachsam zu sein, wo immer Antisemitismus sichtbar werde, erfülle sie ihren Zweck.

"Wir sind uns alle einig, dass niemals vergessen werden darf, was in der dunkelsten Zeit unseres Landes passiert ist; die Erinnerungen müssen wachgehalten werden", hielt Kreisbeigeordneter Ulrich Marschall von Bieberstein als Vertreter des Landrates fest. Mathias Knaust, der für Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch an der Veranstaltung teilnahm, erinnerte sich, wie er und seine Mitschüler zwar in den Pausen vor den Gedenktafeln für die Gefallenen der beiden Weltkriege Fußball gespielt hätten, aber es auch manche Spielunterbrechung gegeben habe, weil man anfing die Namen zu lesen und dabei erschrocken feststellte, dass die Gefallenen kaum älter gewesen seinen als heutige Oberstufenschüler. Dirk Fredel, Vertreter des Staatlichen Schulamtes, betonte die Bedeutung der Tafel und die Leistung der Wilinaburgia. Er sagte: "Wir sind verpflichtet, die Erinnerung lebendig zu halten und die 'Wilinaburgia' leistet dazu einen wichtigen Beitrag."

Alle Redner bezogen sich in ihren Beiträgen auf Worte des Alt-Bundespräsidenten Roman Herzog. Auch Kultusminister Alexander Lorz griff in seinem Grußwort Herzogs Gedanken auf. Herzog habe gesagt: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt.“ Dazu führte der Minister aus: „Die authentischen Stimmen der Zeitzeugen, die leider in absehbarer Zeit verstummt sein werden, bilden für die Nachgeborenen eine emotionale Brücke zwischen dem Gestern und dem Heute. Es ist nun eine Generation herangewachsen, die kaum mehr persönlichen Kontakt zu Menschen hat, die damals Opfer, Mitläufer, Zuschauer, Täter oder auch im Widerstand waren, da allenfalls noch die Großeltern Kindheitserinnerungen an diese Zeit haben. Wider das Vergessen und für eine niemals endende Erinnerung stehen nun diese Gedenktafeln für die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft, gestiftet von den Mitgliedern des Vereins „Wilinaburgia“ für das Gymnasium Philippinum hier in Weilburg.“ Am Ende dankte Lorz der Wilinaburgia gleich für zwei Dinge: „Dafür, dass dieses traurige Stück Zeitgeschehen aufgearbeitet und historisch eingeordnet wurde, und damit ein Denkmal gegen das Vergessen und für das Bewusstwerden, das Hinschauen sowie das Wachwerden gesetzt wurde, danke ich persönlich dem Verein „Wilinaburgia“ sowie allen Beteiligten, die diese Form des Erinnerns, die in die Zukunft wirkt, möglich gemacht haben.

Darüber hinaus gratuliere ich dem Verein „Wilinaburgia“ und seinen vielen ehrenamtlichen Mitgliedern zum 100-jährigen Vereinsjubiläum. „Wilinaburgia“ – ein Verein, der sich die Bewahrung der Schultradition zur Verpflichtung für die Zukunft gemacht hat und durch sein Engagement viele Schulprojekte nachhaltig unterstützt und fördert, ist an dem Gymnasium Philippinum Weilburg nicht mehr wegzudenken.“

 

Volker Schmidt

Rede zur Übergabe der Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus

 

Die Gedenktafel für die Opfer und Verfolgten der NS-Diktatur unter den ehemaligen Angehörigen des Gymnasium Philippinum war lange überfällig, und sie ist mit Blick auf den aktuellen Antisemitismus und Rechtsradikalismus in unserer Gesellschaft heute Mahnung und Aufforderung zugleich, dass sich das, was zwischen 1933 und 1945 geschah, nicht mehr wiederholt.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker nannte 1985 den 8. Mai 1945 einen Tag der Befreiung. Er sagte: „Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Sein Nachfolger Frank Walter Steinmeier präzisierte jüngst in seiner Rede zum Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 die im Grunde banale Einsicht, dass jeder Krieg Verheerung, Leid und Tod bringe. Unumwunden nannte er dabei den 2. Weltkrieg mit seinen Folgen aber eine „deutsche Barbarei“, die Millionen Menschenleben gekostet und den Kontinent verwüstet habe.

Nicht als Erster sprach er davon, dass es, so Steinmeier, nötig sei, in diesem Zusammenhang „Licht in die Erinnerungsschatten“ zu bringen, die nicht irgendwo, sondern direkt vor unserer eigenen Haustür lägen.

60 Jahre vor Steinmeier mahnte das bereits Theodor Adorno in zwei  Radiovorträgen an.

1960, unter dem Titel „Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit“, forderte er, nicht den berühmten und nur zu gern bemühten Schlussstrich unter die Epoche des Nationalsozialismus zu ziehen, sie einfach „wegzuwischen“, sondern das „Vergangene im Ernst zu verarbeiten“, „seinen Bann durch helles Bewusstsein zu brechen“. 1966, unter dem Titel „Erziehung nach Auschwitz“, stellte er fest, dass bei der Debatte über Erziehungsideale am Ende nur die eine Forderung bleibe, Auschwitz dürfe sich nicht wiederholen.

Das Nebeneinander der drei von der Wilinaburgia in den Jahren 1922, 1956 und 2021 gestifteten Gedenktafeln am Philippinum mag nun dazu beitragen, dieser Forderung zu folgen. Gleichwohl kann dabei nicht unbeachtet bleiben, was Adorno das „Vertrackte“ solcher Verweise auf individuelle Schicksale nannte.

„Man hat mir“, sagte Adorno, „die Geschichte einer Frau erzählt, die einer Aufführung des dramatisierten Tagebuchs der Anne Frank beiwohnte und danach erschüttert sagte: ja, aber das Mädchen hätte man doch wenigstens leben lassen sollen. Sicherlich war selbst das gut, als erster Schritt zur Einsicht. Aber der individuelle Fall, der aufklärend für das furchtbare Ganze einstehen soll, wurde gleichzeitig durch seine eigene Individuation zum Alibi des Ganzen, das jene Frau darüber vergaß. Das Vertrackte solcher Beobachtungen bleibt, dass man nicht einmal um ihretwillen Aufführungen des Anne Frank-Stücks, und ähnlichem, widerraten kann, weil ihre Wirkung ja doch, so viel einem daran auch widerstrebt, so sehr es auch an der Würde der Toten zu freveln scheint, dem Potential des Besseren zufließt.“

Dass die „Erinnerungsschatten“ mit all der ihnen innewohnenden Vertracktheit sich an diesem Ort nun ein wenig lichten, war an einer Schule lange überfällig, die in ihrer nun beinahe 500-jährigen Geschichte jüdische Schüler mindestens vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1935 unterrichtete, als mit Margot Wallach die letzte jüdische Schülerin sie verließ.

Nach 1945 spielte weder für die Schule noch für die Wilinaburgia das Schicksal der bis dahin über 150 jüdischen Schülerinnen und Schüler eine Rolle. Nicht einmal Eugen Caspary, der als Lehrer und Bibliothekar der Schule, als Schriftleiter des Mitteilungsblattes der Wilinaburgia sowie als ausgewiesener Regionalhistoriker sein ganz eigenes Interesse an der jüdischen Geschichte im Landkreis hatte, nutzte sein Wissen, um die Geschichte der jüdischen Schülerinnen und Schüler aufzuklären. Ich denke, ein abgrundtiefes Grauen vor dem, worauf er bei seinen Recherchen unweigerlich gestoßen wäre, lähmte seinen Forscherdrang. Seine Namenskartei dieser Schüler ist gleichwohl der Grundstock für alle Nachforschungen und die Gedenktafel.

            Dass die Wilinaburgia, ganz dem Geist der Nachkriegszeit folgend, verschwieg und verdrängte, dass sie 1935 faktisch all ihre jüdischen Mitglieder aus dem Verein ausgeschlossen hatte, verwundert mit Blick auf die Wirtschaftswunderjahre nicht.

Dass sie 1968 mit der Ehrenmitgliedschaft für den 1939 nach Honduras emigrierten Robert Katzenstein offenbar überzeugt war, auf alle weiteren Auseinandersetzungen mit ihrer Vergangenheit verzichten zu können, verdankte sich wohl in erster Linie dem Glücksfall, dass der 1886 geborene Rechtsanwalt mit seiner alten Heimat sich ausgesöhnt hatte und, nicht ungewöhnlich für die Schüler der Jahrgänge vor dem 1. Weltkrieg, mit großer Sehnsucht an seine Schülerzeit in Weilburg zurückdachte.

Dass drei Jahrzehnte nach Katzensteins Ehrenmitgliedschaft Kurt Webers Ruf nach einer weiteren Gedenktafel verhallte, mag auch daran gelegen haben, dass seine Nachforschungen eng mit den Familien Herz und Kirchberger verknüpft waren, Casparys Kartei gänzlich unbeachtet in der Bibliothek verstaubte und digitale Recherchemittel in den neunziger Jahren noch nicht verfügbar waren.

Die Wiederentdeckung der Kartei und die im Zusammenhang mit dem einhundertjährigen Vereinsjubiläum stehenden Wieder- oder Neuentdeckungen von Schicksalen jüdischer und nicht jüdischer Schüler und Lehrer des Gymnasiums veranlassten den Vorstand schließlich anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Vereins, der Schule die Gedenktafel nicht zuletzt mit der Absicht zu stiften, dass sie zusammen mit den Tafeln für die Gefallenen der zwei Weltkriege immer wieder zur Auseinandersetzung mit dieser besonderen deutschen Vergangenheit auffordert.

Dabei erhebt die jüngste Tafel keinen Anspruch auf Vollständigkeit, wie ich am Ende an einem besonderen Fall zeigen werde. Und sie beschränkt sich nicht auf die, denen der Nationalsozialismus das Leben kostete. Seine Herrschaft fußte nicht zuletzt auf Methoden – Berufsverbot, Ausgrenzung, Denunziation, Terror, Haft, Konzentrationslager, Mord - , die oft genug das Rückgrat der Betroffenen, aus welchen Gründen auch immer, brachen.

Lassen Sie mich nun beispielhaft einige Schicksale kurz darstellen.

Der 1901 in Weilburg geborene und 1943 in Auschwitz ermordete Werner Herz war nicht nur ein Schüler der Schule, sondern auch als Schriftführer und Gründer der Berliner Ortsgruppe der Wilinaburgia eines der aktivsten Vereinsmitglieder bis zum Beginn der Nazi-Herrschaft.

Als sogenannter Halbjude und Homosexueller entsprach er gleich in doppelter Hinsicht nicht dem Bild der Nationalsozialisten. Seine juristische Karriere war 1933 beendet, als sie hätte beginnen können. In Berlin bemühte er sich an der Seite seiner Eltern ums Überleben. Als Homosexueller verhaftet findet sich schon auf seiner Karteikarte des Konzentrationslagers Buchenwald der Vermerk „Mischling 1. Grades“. Von seiner Einlieferung dort am 21.11. 1942 bis zu seinem Tod in Auschwitz vergingen gerade einmal drei Monate. Damit war er eines der 12 Opfer der Shoah unter den ehemaligen Schülern des Gymnasiums. Fünf von ihnen waren Vereinsmitglieder.

Alles Renommee schützte den Heidelberger Gynäkologieprofessor Max Neu und seine Frau Louise bereits im Oktober 1940 nicht davor, verhaftet zu werden. Ein Jahr vor dem Beginn der systematischen Deportationen deutscher Juden in die Vernichtungslager sollten sie, um Baden, die Pfalz und das Saarland „judenfrei“ zu machen, zusammen mit 6500 anderen jüdischen Menschen im Zuge der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ nach Südfrankreich in das Lager Gurs deportiert werden. Die sieben Jahre zuvor hatte Neu alle Stufen der Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Deutschen erlebt. Proteste seiner Nachbarn verhinderten noch seine Verhaftung nach der Pogromnacht 1938. 1940 war das offenbar nicht mehr möglich. Der gemeinsame Selbstmord des Paares war, wie der vieler anderer Juden, auch ein Zeichen der Selbstbestimmung und des Widerstands.

Von Robert Katzenstein war schon die Rede. Er, Soldat im 1. Weltkrieg, von 1919 bis 1933 Vorstandsmitglied der Duisburger Anwaltskammer, vertraute wohl, ähnlich wie Max Neu, auf sein Ansehen – noch Ende 1933 wählte ihn die Anwaltskammer bei nur einer Gegenstimme erneut in den Vorstand - und auf die Worthülse Humanismus, die beiden auf dem altsprachlichen Weilburger Gymnasium gewiss oft genug begegnet war.

Sein Aufenthalt im KZ Dachau nach der Reichspogromnacht 1938 raubte ihm jedoch schockartig jede Illusion. Die Emigration nach Honduras im Jahr 1939 gelang ihm, seiner Frau Helga und seinem jüngsten Sohn Edgar nur aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen. Sein älterer Sohn Kurt überlebte dank eines Kindertransports nach Großbritannien. Robert Katzenstein musste sich in Honduras zunächst als Fischhändler durchschlagen, bevor er in seiner neuen Heimat in den fünfziger Jahren endlich Fuß fasste.

Bis ans andere Ende der Welt verschlug es manch anderen Emigranten. Von Werner Herz’ Bruder Bernhard wissen wir, dass er 1984 in Australien starb, von Ernst Levy-Steinberg, dass er 1947 aus Shanghai nach Berlin zurückkehrte, wo er 1950 starb.

            Unter den nicht jüdischen Schicksalen ist das des Lehrers Wolfgang Gutzeit, der als Parteimitglied am Ende des Krieges denunziert wurde, weil er den Volkssturm mit Partisanen verglichen haben soll, wohl das bekannteste. Haben Schüler und/oder Kollegen ihn denunziert? Die genauen Umstände seiner Verhaftung sind bis heute ungeklärt. US-Soldaten befreiten ihn, als er auf dem Weg ins KZ Dachau war.

Völlig unbekannt ist dagegen bislang, warum der damals 55-jährige ehemalige Direktor Paul Rüttgers 1935 an seiner neuen Wirkungsstätte in Rinteln zwangspensioniert wurde.

Er war ein Mitglied der Wilinaburgia wie auch Clemens Schwarte, der, nach 20 Jahren Unterricht in Weilburg, 1929 Direktor des Gymnasiums in Luckenwalde wurde. Den überzeugten Anhänger der Weimarer Republik entließen die Nationalsozialisten 1933 umgehend.

Dafür, dass der Nazi-Terror gleich 1933 mit Verhaftungen und Berufsverboten auch nur potentielle Gegner einschüchterte, stehen – wahrscheinlich eher beispielhaft – die Namen derer, die sich am Ende der Tafel befinden.

Für mich ist die einzig durch lange bestehende Geschäftsbeziehungen in die Schweiz mögliche Emigration des Frankfurter Großbürgersohnes Friedrich Moessinger nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 ein Beleg dafür, wie umfassend die Einschüchterung derer gelungen war, auf die auch nur der leiseste Verdacht der Gegnerschaft zum Regime hätte fallen können. Moessinger emigrierte, weil zu seinem Bekanntenkreis der Monarchist und ultrakonservative Widerständler Johannes Popitz gehörte, der 1937 noch das goldene Parteiabzeichen erhalten hatte. Popitz wurde am 2. Februar 1945 gehängt. Moessinger fühlte sein Leben allein durch die Bekanntschaft mit Popitz bedroht. Die Schweizer haben ihm das sofort so abgenommen, während sie dem bereits 1933 emigrierten Sozialisten und Pazifisten Richard Kleineibst manchen Stein in den Weg legten, bevor er endgültig in der Eidgenossenschaft bleiben konnte. 1976 ist er in Zürich gestorben.

Bei meinen Recherchen ist mir sehr schnell deutlich geworden, dass die Namensliste trotz der Hilfe von arolsen archives, yad vashem, dem Bundesarchiv und einigen anderen Institutionen nicht vollständig sein kann, auch weil keine Schülerliste verrät, ob ein Schüler für die Nationalsozialisten ein „Mischling“ war oder aus anderen Gründen verfolgt wurde. Werner Herz z.B. galt in den Schulakten als evangelischer Schüler, und dass Fritz Unger nach England emigrierte, weil er ebenfalls als „Mischling“ galt, verriet erst die Entnazifizierungsakte des Direktors Dr. Heinrich Schwing. 18 Schicksale jüdischer Angehöriger der Schule sind nach wie vor ungeklärt.

Kaum war die Tafel gegossen, stieß ich auf Franz Kaufmann, der aber nicht in die unsägliche Kategorie der „Mischlinge“ eingeordnet werden kann. Auch in der Kartei der ehemaligen jüdischen Schüler war er nicht verzeichnet.

Der 1902 in Pommern geborene Dr. rerum politicarum, später Lehrer an der Ingenieurschule in Neustrelitz, steht noch im gedruckten Mitgliederverzeichnis von 1934 mit Wohnort Diez. Das im Jahr 1934 neu angelegte Kassenbuch des Vereins gibt dann als Wohnort Rotterdam an.

Der Gedanke, dass da ein Kommunist emigriert sein könnte, kam mir nicht sofort. Er wurde aber schließlich bestätigt, als ich auf einen Hinweis stieß, dass er von 1935 bis 1938 Lehrer an der Karl-Liebknecht-Schule in Moskau war und dort unter anderem Wolfgang Leonhard – „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ – unterrichtet hatte. Im Zuge der stalinistischen Säuberungen wurde er verhaftet und zu zehn Jahren Straflager verurteilt. 1941 ist er in einem Arbeitslager gestorben.

Dieser Beleg aus der Welt einer anderen Diktatur als der des Nationalsozialismus widerlegt jedoch keineswegs den Vers aus Paul Celans Ende 1944 gedichteter Todesfuge:

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Die Gedenktafel wird, auch zusammen mit den beiden älteren, dann ihren Sinn erfüllen, wenn einem wach gewordenen Bewusstsein deutlich ist, was Celan zu dieser Zeile bewog und was zu tun ist, damit sie nie mehr  - weder heute noch in der Zukunft -wiederholt werden kann und muss.

Und die Tafel tut es umso mehr, wenn sich einmal eine Antwort auf die zwei letzten Strophen von Mascha Kalékos „Emigrantenmonolog“ findet.

 

Das wird nie wieder, wie es war,

Wenn es auch anders wird.

Auch wenn das liebe Glöcklein tönt,

Auch wenn kein Schwert mehr klirrt.

 

Mir ist zuweilen so als ob

Das Herz in mir zerbrach.

Ich habe manchmal Heimweh.

Ich weiß nur nicht, wonach…“

 

Kalékos entsetzensstarrer (Rück-)blick auf die von Menschen gemachte Barbarei des Nationalsozialismus, der an Walter Benjamins „Angelus Novus“ in seinem Text über den Begriff der Geschichte gemahnt, kann einzig eine passende Antwort finden, wenn Erziehung ihren Beitrag dazu geleistet hat, dass sich Auschwitz nicht wiederholt und Heimat nicht mehr bloß das Entronnensein aus jeglicher Barbarei ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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